Pfingstbier (Ein Pfingstbrauch in Förste a. Harz.)
von R. Schöttler
Die schönste und älteste Volksbelustigung in Förste ist das Pfingstbier am 2. Pfingsttage. Früher wurde dieses Fest in fast allen Orten am Harz gefeiert. Jetzt kennt man es nur noch in Förste a. H. Das „Niedersächsische Volksbuch“ von Dorenwell berichtet folgendes darüber: „— Jeder Bursche wählt sich vorher ein Pfingstmädchen aus, natürlich ein solches, auf das er ein Auge geworfen hat. Falls dieses ihm keinen Korb gibt, wird es allgemein im Dorfe als seine Zukünftige angesehen, und meistens wird früher oder später auch ein Paar daraus. Acht Tage vor dem Feste überreicht er der Auserkorenen den mit bunten Bändern geschmückten Psingststrauß. Nimmt sie ihn, so ist die Sache richtig, und er pflanzt ihr dann in der ersten Pfingstnacht die Maibüume vor das Haus. Das Pfingstbier, das in einem besonders dazu aufgebauten, reichbekränzten Zelte auf dem Pfingstanger gefeiert wird, beginnt am zweiten Pfingsttage nach dem Nachmittagsgottesdienste mit dem Kranzreiten.
Die mit Sträußen und Bändern geschmückten „Schaffer“, an der Spitze ein Musikkorps, reiten auf blank gestriegelten Pferden durch die Straßen des Dorfes, und es schließen sich auf dem Zuge alle die Jünglinge au, welche mit nach dem Kranze jagen (reiten) wollen. Dann geht es hinaus auf den Pfingstanger, wo sich bald das ganze Dorf, fröhlich und geputzt, zusammenfindet. Am fernen Ziele hängen die Kränze an den Stangen. Wer den ersten erjagt, ist der Held des Festes Und erlangt außer der Ehre noch den Vorteil, daß er in diesem Jahre die Pfingstwiese abernten darf. Ist dieser feierliche Akt, an dem Alt und Jung mit der größten Spannung teilnimmt, zu Ende, so beginnt der Tanz.
Das ganze Fest dauert 2 bis 3 Tage. Der „Pfingstknecht“ tanzt während desselben fast nur mit seinem „Pfingstmädchen“. Ohne dessen Erlaubnis darf er mit keinem andern Mädchen tanzen. Aber auch ein anderer darf nur mit seinem Pfingstmädchen tanzen, wenn er seine Einwilligung dazu gegeben hat. Er holt sein -Pfingstmädchen vom Elternhause ab und führt es wieder dahin zurück, ißt und trinkt dort und gehört überhaupt während des ganzen Festes zur Familie seines Pfingstmädchens.
Man kann sich denken, welche festliche Unruhe und Geschäftigkeit das ganze Darf ergreift, wenn das Fest naht; wie die Mütter, Basen und Tanten immer geheimnisvoller die Köpfe zusammenstecken, um an ihrem Teile dazu mitzuhelfen, daß die Paare in erwünschter Weise zusammenkommen; wie den jungen Mädchen die Herzen pochen, ehe sie bestimmt wissen, ob sie ein Bursche, und vor allem, welcher sie erwählt. Jetzt gilt es auch, zu zeigen, was und daß man etwas leisten kann. Ganze Ballen Kleiderstoffe werden ins Haus geschleppt, und es wird nichts gespart, damit die Tochter des Hauses sich mit ihresgleichen getrost mustern und messen kann. Ganze Berge von Kuchen werden gebacken und mächtige Braten im Backofen zugerichtet. Es gilt, nicht bloß vor dem „Pfingstknechte“, der vielleicht bald Schwiegersohn wird, zu zeigen, was das Haus vermag; es kommen auch von weit und breit die geladenen Verwandten und Bekannten, um dieses eigentümliche Fest mitzufeiern.“ —
Jeder Ort hatte natürlich seine Sondergebräuche. Auch sind mit der Zeit kleine Aenderungen und Abweichungen entstanden, bis diese Festlichkeiten schließlich ganz auf-hörten. Nur in Förste kennt man heute noch ein Pfingstbier, auf das obige Schilderung im wesentlichen paßt.
Hier suchen sich die Burschen ihr Pfingstmädchen am Himmelfahrtstage auf dem Burgbleek. Die nach dem Kranze reitenden Burschen im Alter von 12 bis etwa 20 Jahren nennt man „Jagejungen“. Sie tragen sämtlich weiße leinene Kittel und reiten ohne Sattel und Steigbügel. Ihre Hüte lassen sie von ihren Pfingstmädchen mit vielen bunten Bändern schmücken. Die sogen. „Jagewiese“ liegt unmittelbar am Westufer der Söse, zwischen den beiden Sösebrücken, in der Nähe des Schützenplatzes. Der Pfingstanger ist bei der Verkuppelung mit aufgeteilt.
Wenn sich der Festzug dem Rennplätze naht, harrt schon eine dicht gedrängte Menge der Dinge, die da kommen sollen. Die voranschreitende Musik bricht sich Bahn. Während die Reiter über die Brücke und dann im Schritt über die Jagewiese reiten, bleibt das Menschengedränge zurück auf der Sösebrücke und am Ziel. Andere stellen sich am linken Söseufer auf. Vor der Bahnbrücke nehmen die Jagejungen Aufstellung. Ungeduldig harren die stampfenden Rosse des Trompetensignals. Ab und zu rennt schon eins vor dem Zeichen davon und muß mühsam zurückgeführt werden. Endlich ertönt das erlösende Zeichen. Im rasenden Galopp gehts dem Ziel entgegen. Manches Roß scheut vor der Menge und bricht nach der Seite aus. Aber die Burschen sitzen fest auf ihren Pferden, wie die Flöhe auf den Hunden; selten kommt einer zu Falle. Dreimal jagen sie stolz nach ihrem Ziele, einem auf einer Stange hängenden Eichenkranze. Wer das dritte Mal zuerst ankommt, ist Sieger. Sein Pferd trägt den Eichenkranz heim. Auch er selber trägt während des Festes einen Eichenkranz um den Hut. Anstatt der Berechtigung zum Abernten der Jagewiese erhält er eine Belohnung in barem Gelde. Früher hatten beide Edelhöfe und die Mühlen die Verpflichtung, den Pfingstknechten 3 Schock Eier und Schafkäse zu liefern. Durch Ablösung ist j diese Verpflichtung aufgehoben. Die Gemeinde hat das Ablösungskapital übernommen und zahlt nun den Schaffern und Pfingstknechten jährlich die Zinsen im Betrage von 27,75 Mark aus.
Nach dem Kranzjagen geht es mit klingendem Spiel zurück zum Schützenplatze. Hier finden die „Ehrentänze“ auf dem Rasen statt. Sämtliche Schaffer und Jagejungen tanzen zunächst mit ihren, dann mit den Pfingstmädchen der andern Beteiligten. Nun erst beginnt der Tanz im Zelt. Dem Zuge der Zeit folgend, essen die Pfingstknechte nicht mehr bei den Eltern ihres Pfingstmädchens, sondern es findet jeden Abend ein gemeinschaftliches Essen im Festzelte statt.
Am 3. Pfingsttage versammeln sich die Jagejungen frühmorgens wieder. Mit buntbebänderten Hüten auf dem Kopfe und im weißen Kittel ziehen sie hoch zu Roß von Haus zu Haus und sammeln Eier und Geld. Diese Gaben erbitten sie durch folgenden Vers, den sie gemeinschaftlich im singenden Tone aufsagen:
„Holle, Polle, Tolle!
Eck weit woll, wat eck wolle!
Heir rei (reite) eck op’n Hoff,
Kaiser un de Bischof.
Hahne un de Hinne
Seiten ob’n inne,
Kalte un de Maous
Leipen ob’n tau’n Fast raout!“
Die Gaben fließen reichlich; denn jeder Einwohner ist stolz auf die jugendfrischen, glücklichen Reiter in ihren weißen Kitteln. Am Abend werden die gesammelten Eier gekocht und, soweit der Vorrat reicht, unter die Festteilnehmer verteilt. Dann rückt allmählich die Zeit heran, wo die neuen Schaffer „angesetzt“ werden. Sie sind die Festordner, kenntlich am Zylinder mit einem breiten, bunten Bande. Auf einer Empore, die schnell hergerichtet wird, sammeln sich die alten Schaffer und die Jagejungen. Die alten Schaffer wählen die neuen, die sich neben sie stellen, mit den Worten: „Eck sette N. N. tau´n Schaffer an! Wer wat daorgegen hett, der rede eben und schweige hernach! Vivat Musikanten!“ Die meistens ohne Widerspruch erfolgte Wahl wird durch einen Tusch bekräftigt. Zum Schluß trinken alle Schaffer und Jagejungen nacheinander mit einem oft derben Reim*) auf die Gesundheit der Einwohner von Förste. Jeder Reim wird mit einem Tusch bekräftigt.
Wahrlich ein Stück echter, alter deutscher Sitte, die verdient, gehegt und gepflegt zu werden.
R. Schöttler, Förste.
*) Ost beziehen sich die Reime auf Begebenheiten des Ortes im letzten Jahr.
Quelle: Archiv-Vegelahn – 1921 – Kalender für den Kreis Osterode a. H., Seite 44-46